Marktsoziologie

 
Robert Skok
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
 
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Definition (Schwerpunktbeitrag)

I. Begriff und Merkmale

Die Marktsoziologie oder auch Soziologie der Märkte ist ein Teilgebiet der Soziologie, in der Märkte den zentralen Erklärungsgegenstand bilden. Märkte sind zentrale Institutionen und Ordnungsformen moderner Gesellschaften, über die die Zuweisung und Verteilung von Gütern und Dienstleistungen gesteuert wird. Um Marktprozesse und –abläufe sowie die Wechselbeziehung von Märkten zu anderen gesellschaftlichen Teilbereichen angemessen erklären zu können, werden soziologische Theorien und Modelle sowie sozialwissenschaftliche, empirische Methoden eingesetzt, um theoretisch fundierte Annahmen und Hypothesen zu überprüfen. Im Zentrum marktsoziologischer Arbeiten steht die Erklärung und Analyse von: (1) Herausbildungs-, Stabilisierungs- und Transformationsprozessen von Märkten, (2) allgemeinen und/oder spezifischen Marktmechanismen (Institutionen, Normen, Netzwerke und Sozialkapital, Machtbeziehungen und Herrschaftsformen, Tauschbeziehungen), (3) Funktionen von Märkten (Unsicherheitsreduktion, Preisbestimmung), (4) Wechselbeziehungen zwischen Märkten und anderen gesellschaftlichen Teilbereichen (Moralvorstellungen, Religionen) sowie (5) den nach historischen Gesichtspunkten variierenden kulturellen Bedeutungen von Märkten (kulturelle Bedeutung von Tauschprozessen).

II. Entwicklung bzw. Geschichte des Begriffs

Der schottische Moralphilosoph Adam Smith entwickelte in seinem Werk „Wohlstand der Nationen“ (1978 [1789]) im 18. Jahrhundert eine erste Markttheorie, die den Markt als eine sich selbst regulierende soziale Ordnungsfunktion beschreibt, die Angebot und Nachfrage - ohne jede zentrale Vermittlungs- und Planungsinstanz - so zu steuern vermag, dass die hergestellte Menge an Gütern mit der tatsächlichen Nachfrage übereinstimmt. Obwohl Smith von eigeninteressierten Akteuren ausgeht, ist es bemerkenswert, dass es Märkten gelingen kann, die unterschiedlichen Interessen der Marktakteure so zu führen, dass die individuellen Bedürfnisse durch den Markttausch befriedigt werden und über die individuelle Zielverfolgung, als nicht intendierte Nebenfolge, die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt steigt; Smith nennt diesen sozialen Mechanismus „unsichtbare Hand“. Karl Marx, ein weiterer Politökonom, schloss in „Das Kapital“ (1968 [1867]) zwar an zentrale Ansichten Adam Smith an, wendet jedoch viele von ihnen kritisch um. Nach Marx sind Märkte nicht in der Lage, die divergierenden Interessengegensätze kapitalistischer Gesellschaften, die sich aus den antagonistischen Klassengegensätzen ausbilden, friedlich zu überwinden. Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden die ersten Ansätze der Wirtschafts- und Marktsoziologie. Als zentraler Meilenstein der sich neu etablierenden Denkrichtung kann Max Webers Werk „Wirtschaft und Gesellschaft“ (1985 [1922]) gedeutet werden. Darin gibt Weber der Marktsoziologie zentrale Forschungsperspektiven vor, die bis heute die Marktsoziologie als eigenständige soziologische Teildisziplin begründet, denn „[s]oziologisch betrachtet, stellt der Markt ein Mit- und Nebeneinander rationaler Vergesellschaftung dar“ (vgl. Weber 1985 [1922]: 382), welche aus den Interessen- und Konkurrenzkämpfen der Marktteilnehmer hervorgeht. Zudem hat er der jungen Disziplin einen umfangreichen Begriffskatalog mit an die Hand gegeben, so auch seine prominente Definition von Märkten, die weiterhin den Kern einer Vielzahl moderner soziologischer Markttheorien bildet: „Von einem Markt soll gesprochen werden, sobald auch nur auf einer Seite eine Mehrheit von Tauschreflektanten um Tauschchancen konkurrieren“ (ebd.: 382). Nach dem Bedeutungsverlust der Wirtschafts- und somit auch der Marktsoziologie nach 1920 wurden nur noch vereinzelt marktsoziologisch relevante Arbeiten verfasst, u.a. „The Great Transformation“ (1995 [1944]) von Karl Polanyi, dessen Werk in der Soziologie große Beachtung findet. Polanyis Arbeit kann aber nicht als eine dezidiert marktsoziologische Theorie gelesen werden, vielmehr ist sie eine kritisch-historische Rekonstruktion eines normativ-politisch motivierten gesellschaftlichen Wandels. Polanyi beschreibt den Verlagerungsprozess von staatlich gesteuerten und traditionell ausgerichteten Wirtschaftsformen: Redistribution und Reziprozität, hin zu einer Ordnungsform, die die Steuerung der Produktion und Allokation von Gütern allein dem Markt überlässt und sich selbst reguliert - Polanyi nennt sie Marktwirtschaft. Er verweist zudem auf die destruktiven Kräfte, die sich in dieser Ordnungsform ausbilden und sich infolge auf weitere gesellschaftliche Bereiche zerstörerisch ausweiten können; er plädiert in diesem Zusammenhang für die Einbettung von Märkten und meint, dass Märkte staatlichen Regulierungsinstanzen unterstellt werden sollten. Zu Beginn der 1980er-Jahre widmeten sich wieder vermehrt Soziologen, allen voran die US-amerikanischen Soziologen Harrison White, Ronald Burt und Mark Granovetter, ökonomischen Fragestellungen, die auch wieder Märkte zum Gegenstand soziologischer Forschung machten.

III. Unterscheidung von anderen ähnlichen Begriffen

Marktsoziologische Theorien teilen sich mit der Volkswirtschaft den Markt als Erklärungsgegenstand. Solche Ansätze beziehen aber ausdrücklich und auch in Abgrenzung zu ökonomischen Theorien, wie etwa der Neoklassik, soziale Aspekte in ihre Theoriemodelle mit ein, um angemessenere und realistischere Aussagen treffen zu können. So werden u.a. soziale Beziehungen, Institutionen, Normen und Werte in die Untersuchungen integriert, um deren Einfluss auf Marktprozesse zu thematisieren. Ökonomische Modelle hingegen verzichten bewusst auf viele Erklärungsvariablen, die für die Marktsoziologie von Bedeutung sind, da sie das Zustandekommen von Preisen unter der Restriktion knapper Ressourcen und einer möglichst optimalen Allokation von Gütern und Dienstleistung und deren effiziente Produktion und Herstellung zum Thema machen.

IV. Marktsoziologische Erklärungsansätze

Marktsoziologische Theorien lassen sich unterteilen in 1) Netzwerkansätze, 2) institutionelle Markttheorien und 3) kultursoziologische Ansätze (vgl. Beckert (2007): 51).

1. Netzwerkansätze

In dieser Denkrichtung werden Märkte als soziale Beziehungsmuster charakterisiert, die sich als Netzwerke beschreiben lassen. So auch der Ansatz von Mark Granovetter, der als Erweiterung des neoklassischen Marktmodells gelesen werden kann (vgl. Deutschmann (2007): 83), da er das Modell des rationalen Handelns beibehält. Er macht aber deutlich, dass Akteure ihre Entscheidungen nicht unabhängig voneinander treffen, sondern sich beim Handeln immer aufeinander beziehen und deshalb Teil einer sozialen Beziehung bzw. in soziale Netzwerke eingebettet sind. Nach Granovetter sind die Strukturen sozialen Handelns besonders handlungswirksam, weniger wirken hingegen allgemeine Moralvorstellungen oder institutionelle Settings. Für die Marktsoziologie sind die Arbeiten von Mark Granovetter von zentraler Bedeutung, da sie zeigen, dass Märkte nicht, wie die Theorie der Neoklassik unterstellt, Orte anonymen Handelns sind; vielmehr weisen diese soziale Beziehungsmuster auf (Granovetter (2000): 191), welche Ressourcen für marktwirtschaftliches Handeln bereitstellen oder aber erst die Handlungsgrundlage, wie etwa Vertrauen, bilden, auf welcher Markthandeln erfolgen kann. Demgemäß ist Markthandeln immer in soziale Beziehungen eingebettet (das Einbettungskonzept Mark Granovetters unterscheidet sich aber von dem Karl Polanyis (vgl. Swedberg (2009): 60)). Eine weitere Theorie, die netzwerktheoretisch argumentiert, ist die von Harrison White. Mit seinem Aufsatz „Where do markets come from?“ (1981) beschreibt White Märkte als Netzwerke, in welchen Unternehmen sich wechselseitig am Verhalten ihrer Konkurrenten orientieren. Zentral ist die Annahme, dass Unternehmen bestrebt sind, Wettbewerbssituationen zu entschärfen, indem sich die Produzenten auf bestimmte Marktsegmente spezialisieren, da sich erst in diesen Gewinne erzielen lassen. White stellt mit seiner Arbeit den Preismechanismus als zentrale Koordinationsfunktion, der in den ökonomischen Theorien zentral für die Handlungsabstimmung zwischen Anbietern und Nachfragern ist, infrage (vgl. Roth (2010): 39); vielmehr ist es das Anliegen der Produzenten, die Rollenverteilung innerhalb eines Marktes zu reproduzieren. Ein weiterer wichtiger marktsoziologischer Netzwerkansatz ist der von Ronald Burt. Mit der Arbeit „Structural holes“ (1992) zeigt Burt, dass bestimmte Positionen innerhalb eines Netzwerkes, sogenannte strukturelle Löcher, welche zwei oder mehrere Netzwerke in Beziehung setzen, den Inhaber dieser Position zu Vorteilen verhelfen, indem sie ihn bspw. mit Informationen versorgen, über die andere Akteure nicht verfügen und ihm dementsprechend zu Handlungsvorteilen verhelfen.

2. Institutionelle Markttheorien

Institutionelle Theorien beziehen im Besonderen Institutionen und Regeln in ihre Erklärungsansätze mit ein. Ein prominenter Vertreter dieser Denkrichtung ist Neil Fligstein. Fligsteins Ansatz zielt auf die Erklärung und Analyse von Ausbildungsprozessen und Funktionsmechanismen von Märkten ab. Märkte weisen soziale Strukturen auf, die Institutionen ordnen und stabilisieren und die sich - je nach Markt – unterscheiden lassen. Der gewichtige Gedanke ist, dass Märkte über stabile Marktordnungen verfügen müssen, sodass ein „strukturierter Austausch“ (vgl. Fligstein (2011): 80) erfolgen kann. Stabile Marktstrukturen gehen aus dem Beziehungsgefüge der Unternehmen hervor, indem die mächtigen, etablierten Unternehmen im Markt die institutionellen Regeln, Kontrollkonzepte bzw. Deutungsmuster und Marktordnungen nach ihren Interessen entwerfen und diese gegenüber den weniger Mächtigen, den sog. Herausforderern durchsetzen und festschreiben, damit die geltende Macht- und Herrschaftsstruktur des Marktes reproduziert und auf Dauer sichergestellt wird. Auf die besondere Rolle des Staates als Ordnungsmacht weißt Fligstein insbesondere in den Phasen der Herausbildung und Transformation hin. Fligstein kann mit seiner Arbeit eindrucksvoll belegen, dass Märkte sozial konstruiert und auf staatliche Akteure angewiesen sind. Weitere institutionelle Ansätze, welche v.a. die kulturelle Bedeutung von Institutionen betonen und ihre Funktion als Träger von Erwartungs- und Wahrnehmungsmuster beleuchten, werden dem soziologischen Neo-Institutionalismus zugeordnet.

3. Kultursoziologische Ansätze

Kultursoziologische Ansätze betonen die kulturelle Bedeutung von Märkten. Es sind in erster Linie die Arbeiten von Pierre Bourdieu, die diese Denkrichtung prägen. Bourdieu fasst Märkte als Felder auf, die von Macht- und Konfliktlagen durchzogen sind und durch normative, kulturelle bzw. historische Faktoren geformt werden und das Handeln der Akteure innerhalb des Felds bestimmen. In seiner Arbeit zum Eigenheimmarkt (2002) untersucht er u.a. die Funktion des Staates bei der Konstitution des französischen Eigenheimmarktes wie auch die soziale Konstruktion der Präferenzen der Marktakteure (vgl. Florian (2006): 83). Eine weitere wichtige Autorin, die zu den kultursoziologischen Ansätzen gehört und sich Fragen widmet, die das Verhältnis von Markt und Moral (1978) beschreibt, ist Viviane Zelizer.

V. Wichtige marktsoziologische Studien

In diesem Abschnitt werden einige wichtige Arbeiten vorgestellt, die für die Marktsoziologie von Bedeutung sind, so auch die Arbeit „Market for Lemons“ (1970) des Ökonomen und Nobelpreisträger George A. Akerlof. Sie ist für die Marktsoziologie dahingehend von Bedeutung, da sie zentrale Fragestellungen der Soziologie des Marktes abhandelt und Anschlussstellen für die Marktsoziologie bereithält. Akerlof zeigt am Beispiel des Gebrauchtwagenmarktes, dass in Marktsituationen, in welchen Anbieter und Nachfrager über unterschiedliche Informationen bezüglich der Qualität des gehandelten Produktes verfügen, Märkte als Ordnungsmechanismus versagen können. Marktsoziologische Ansätze können, wie es bereits auch einige ökonomische Ansätze getan haben, hierselbst anknüpfen und auf die stabilisierende Wirkung von Institutionen verweisen, wie etwa Konventionen in Form von technischen Standards oder Qualitätssiegel.

Im Zentrum von Marie-France Garica-Parpets qualitativer Arbeit (2007) steht die Frage der Ausbildung eines neu entstehenden Spotmarktes. Ganz konkret rekonstruiert sie am Beispiel des Erdbeermarktes in der französischen Gemeinde Fontaine-en-Sologne, wie sich aus einem Netzwerk von Erzeugern und Zwischenhändlern ein Auktionsmarkt aufgrund wirtschaftspolitischer Interventionen ausbildet. Sie beschreibt die dafür notwendigen sozialen Rahmungsprozesse, innerhalb derer sich der nach neo-klassischer Vorstellung geplante Markt formt und etabliert. Die Leistung von Garcia-Parpet ist, dass sie zeigen kann, wie die soziale Rahmung einer sozialen Situation das Handeln der Akteure bestimmt und über diesen Weg ein neuer Markt nach einem bestimmten theoretischen Vorbild geformt wird.

Jens Beckert und Jörg Rössel gehen in „Kunst und Preise“ der Frage nach, wie sich auf dem zeitgenössischen Kunstmarkt die Preisbildung erklären lässt. Kunstwerke sind zumeist Einzelstücke, deren weitere Wertentwicklung nur schwer vorherzusagen ist. Märkte müssen aber, um eine dauerhafte Nachfrage entstehen zu lassen, stabile Strukturen aufweisen und Unsicherheit reduzieren. Die Unsicherheit speist sich aus der Tatsache, dass der Wert eines Kunstwerks sich weder über die Herstellungskosten noch durch ein knappes Angebot bestimmen lässt. Damit aber ein Markt stabile Strukturen hervorbringt, muss das Wertproblem gelöst sein. Die zentrale These der beiden Forscher lautet, dass das Wertproblem nicht im Markt und somit nicht über die Angebots- und Nachfragebeziehung gelöst wird, sondern im Feld der Kunst. Innerhalb des Kunstfeldes wirken, so Beckert und Rössel, Reputationsmechanismen, beruhend auf einem hohen Maß an übereinstimmenden Beurteilungen, bspw. von Kritikern, Kunsthändlern sowie von relevanten Institutionen, die den Wert der Kunstwerke bemessen. Das Argument ist, dass die Qualität den Preis festlegt, welche aber nicht dem Kunstwerk inbegriffen ist, sondern dem Kunstwerk über den intersubjektiven Prozess der Bewertung und Reputationsverleihung durch Experten und Institutionen im Feld der Kunst“ (Beckert und Rössel (2004): 32) zugeschrieben wird.

VI. Ausblick

Die Erforschung von Märkten als Orte sozialer Beziehungen und Strukturen liefert einen wichtigen Beitrag, um die komplexen Marktprozesse und die damit verbundenen Wirtschaftsabläufe angemessen zu erfassen und darüber hinaus zu erklären. Auf diesem Weg werden die Wechselbeziehungen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft sichtbar. Somit leistet die Marktsoziologie einen wichtigen Beitrag zu allgemeinen soziologischen wie auch zu Fragen soziologischer Teildisziplinen und bietet darüber hinaus Schnittstellen, die es ökonomischen Theorien erlaubt, anzudocken und die Erkenntnisse der jeweiligen Nachbardisziplin ertragreich in die eigene Arbeit einfließen zu lassen.

 
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